Selfcare ist in aller Munde. Social Media liefert inspirierende Bilder, Ratgeber füllen ganze Buchregale. Wir haben Vorstellung davon, was uns guttun könnte und dennoch fällt es vielen schwer, im Alltag in die Umsetzung zu kommen.
Die Frage ist, warum?
In diesem Blog möchte ich meine persönlichen Erfahrungen teilen.
Dieser Text ist mein Beitrag zur Blogparade von Rani, die eingeladen hat, das Thema Selfcare von einer persönlichen Sicht zu beleuchten – jenseits von Wellness-Klischees.
Viele meiner Klienten gehen davon aus, dass Selfcare für mich kein Problem sein dürfte. Als Psychologin müsste ich das doch „können“. Und ja, ich habe Fachwissen – aber in erster Linie bin ich Mensch. Mit einem ganz normalen Alltag, mit Anforderungen, mit Müdigkeit und Grenzen.
Selfcare wird uns selten in die Wiege gelegt. Ein achtsamer Umgang mit uns entsteht nicht automatisch. Er will gelernt, ausprobiert und immer wieder neu angepasst werden. Versuch und Irrtum begleiten dieses Lernen.
Ich habe viel ausprobiert, um zu verstehen, was Selfcare für mich wirklich bedeutet und was mir guttut. Beides hat sich im Laufe der Jahre verändert. Diesen Prozess finde ich wichtig. Mein Leben heute ist nicht vergleichbar mit dem vor 30 Jahren. Die Bedürfnisse wandeln sich und Anforderungen verändern sich - und auch der Körper.
Während meines Studiums wurden wir immer wieder darauf hingewiesen, gut auf unsere Psychohygiene zu achten. Dieses Wort hat sich bei mir eingebrannt. Ich habe es ernst genommen. Mir war klar, ich wollte in meinem Beruf kein Burnout erleben. Psychische Gesundheit hatte für mich oberste Priorität und war mein erster bewusster Zugang zu Selfcare.
Ein zweiter Begriff prägte mich ebenfalls: der „hilfloser Helfer“. Gemeint sind professionelle Helfer mit stark ausgeprägtem Helfersydrom, denen das Wohlbefinden anderer wichtiger ist als das eigene. Diese Gefahr wollte ich ernst nehmen. Also war ich gefordert, aktiv für Ausgleich zu sorgen.
Seit meiner Kindheit liebe ich die Natur. Unter freiem Himmel zu sein, war für mich immer ein Kraftort. Diese Erfahrung hilft mir sehr, einen guten Ausgleich zu finden.
Nach einem Tag voller emotionaler Kopfarbeit genieße ich es, kilometerweit zu maschieren, begleitet von meiner Hündin Eva. Gehen hat für mich etwas Meditatives. Es ist eine meine wichtigsten Selfcare-Säulen.
Auch ich kenne Tage, an denen ich keine Lust habe. Und dennoch hat es etwas Befreiendes, loszugehen. Irgendwann setzt der Rhythmus der Schritte ein, die Atmung wird tiefer, der Kopf freier.
Gerade jetzt, wenn der Winter noch das Zepter in der Hand hält, und sich der Frühling zaghaft an windgeschützen Stellen zeigt, genieße ich die Suche nach den ersten Frühlingsboten. Und ich bin schon fündig geworden. Die ersten Schneeglöcken in Nachbarsgarten, Schneerosenknospen im Wald, die zwischen den großen grünen Blättern hervorleuchten.
Natürlich bin ich lieber bei Sonnenschein unterwegs als bei Regen. Und doch darf mir auch die Gischt des Regens ins Gesicht spritzen und der Wind an meiner Kapuze rütteln. Es erdet mich. Ich habe das Gefühl, alles aufzusaugen, was die Natur bereithält.
Auch mein Garten gehört dazu. Kleine Blumenbeete, die gehegt und gepflegt werden. Tulpen und Narzissen, deren Blätter sich langsam aus der Erde schieben. Die Natur mit ihren wechselnden Reizen zu erleben, entschleunigt mich spürbar
Selfcare ist für mich eng mit dem Kontakt zu meinen eigenen Bedürfnissen verbunden. Und dafür brauche ich Zugang zu mir selbst.
In einem vollgepackten Alltag ist das nicht selbstverständlich. Der Sog äußerer Reize ist stark. Wenn alles laut ist, wird das Innere schnell leise.
Deshalb habe ich begonnen, mir bewusst Momente der Ruhe einzuplanen. Routinen helfen mir den Fokus zu halten. In diesen ruhigen Minuten kann ich meine Gefühle sortieren und mein Energielevel wahrnehmen. Ich spüre: Wo stehe ich gerade? Was brauche ich?
Es geht dabei nicht um lange Auszeiten. Oft reichen fünf bis zehn Minuten am Tag. Eine bewusste Tasse Tee. Ein geöffnetes Fenster. Einige tiefe Atemzüge. Übungen aus der Physiotherapie. Ein kurzer Moment, in dem es nichts zu erledigen gibt, bevor es weitergeht.
Wenn es um persönliche Grenzen geht, stellt sich häufig die Frage: Wann ist es zu viel? Wo liegt genau das Quäntchen darüber?
Darauf gibt es keine Standartantwort. Es braucht situative Entscheidungen und einen bewussten Umgang mit dem eigenen Energiehaushalt.
Kennst du den Gedanken: „Da muss ich noch durch“ oder „Das mache ich noch fertig, dann mache ich Pause“? Eine klassische Stressfalle. Sie lockt mit dem Gefühl des erreichten Ziels. Ausgeblendet wird, dass das Ergebnis oft nicht genossen werden kann, weil zunächst Erschöpfung einsetzt. Nicht selten folgen Ärger oder Wut, über sich selbst, weil man wieder über die eigenen Grenzen gegangen ist und dann noch zu wenig Anerkennung erhielt.
Ein Gedanke, der mir hilft: Nein-Sagen darf geübt werden. Es muss nicht perfekt sein. Manchmal bedeutet es Schnappatmung, bevor ein Nein über die Lippen kommt.
Und doch steckt hinter jedem Nein ein bewusstes Ja:
Gerade für Menschen mit hoher Verantwortung ist das nicht nur eine organisatorische Frage. Oft berührt ein Nein tieferliegende Muster von Loyalität, Pflichtgefühl oder Anpassung. Deshalb fühlt es sich zunächst ungewohnt oder sogar bedrohlich an. Schuldgefühle klopfen an.
Dennoch darf ein klar ausgesprochenes Nein stehen bleiben.
Selfcare beginnt genau hier: in der Entscheidung, gut mit sich selbst umzugehen.
Sie bedeutet, wahrzunehmen, was mir guttut und wie weit ich gehen möchte. Sie fordert mich heraus, Gewohnheiten zu hinterfragen und Automatismen zu verändern. Das kann sich anstrengend anfühlen. Manchmal bewegt man sich zuerst in einer inneren Angstzone, bevor sich neue Stabilität einstellt.
Doch es lohnt sich. Stell dir vor, du blickst auf deinen Weg zurück und merkst: Dein Energielevel ist nicht mehr ständig am Limit. Du kannst es ausbalancieren und halten.
Selfcare ist kein Tool und kein To-do.
Sie ist keine weitere Optimierungsaufgabe.
Sie ist eine Haltung.
Eine bewusste Entscheidung, gut mit sich selbst umzugehen – unabhängig von äußeren Anforderungen oder Zeitressourcen.
Sie darf so selbstverständlich sein wie die Luft zum Atmen.
Nicht verdient. Nicht optimiert. Sondern gelebt.
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ÜBER DIE AUTORIN

Christine Schreiner-Mader
Psychologin und Expertin für emotionale Erschöpfung.
Seit über 30 Jahren begleitet sie hoch engagierte Menschen dabei, die tieferen Muster hinter ihrem Erschöpftsein zu verstehen und neue, tragfähige Wege der Selbstführung zu finden.
In diesem Blog lädt sie dazu ein, emotionale Erschöpfung besser zu verstehen und ihre oft unsichtbaren Ursachen sichtbar zu machen.

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